Du bist?

Gott des allmächtigen Momentes.

   Sag, warum gehst du auf Zehen?

Weil ich so flink bin wie der Wind.

   Und du hast in der Rechten ein Messer?

Es kündet den Menschen: nichts auf der Welt schneidet so scharf, wie ich selbst.

   Und das Haar an der Stirn?

Beim Zeus, der Begegnende soll mich schnellstens erhaschen.

   Warum bist du hinten so kahl?

Bin ich mit fliegendem Fuß einmal vorübergeglitten, hält mich, so sehr man es wünscht, keiner von hinten mehr fest.

   Und warum schuf dich der Künstler?

Für euch! Und zu eurer Belehrung stellte er, Wandrer, mich auch hier in der Vorhalle auf.

 

Posidippos o Pellaĩos, griechischer Dichter (310-240 v.Chr.)

Kairos, der griechische Gott, der den rechten Zeitpunkt symbolisiert

(Römische Kopie des griechischen Originals von Lysippos; ±350-330 v.Chr.)

Die Zentralfigur, Kairos, auf seinen geflügelten Rädern, hält einen Stab in seiner Linken und eine Waage im Gleichgewicht in seiner Rechten.

Rechts lässt ein Mann, alt und bärtig die Gelegenheit verstreichen, und rechts außen ist eine Frau mit hängendem Kopf der Trübsal hingegeben. Er hat wie sie seine Chance verpasst: sie symbolisieren den negetiven Zufall.

Links ergreift ein kühner Jüngling die Gelegenheit beim Schopf. Er nützt den rechten Augenblick und illustriert den positiven Zufall.

Dieses Relief befindet sich unter den ersten Stufen der Kanzel, um die Gläubigen an die Gelegenheit zu gemahnen, das "Wort Gottes" zu hören. Es ist in der Ikonographie, soweit bekannt die einzige Skulptur, die die drei möglichen Reaktionen angesichts einer Möglichkeit darstellt: sie zu ergreifen, zu zögern, und zu bedauern, sie versäumt zu haben.

 

Van Andel / Bourcier: De la sérendipité dans la science, la technique, l'art et le droit

Kairos, Relief aus dem 11. Jh.; Basilika di Santa Maria Assunta (Torcello, Italien)

 

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